B – Wie Bra mu

Kommen Sie herein. Diese Redewendung auf Twi zu verwenden ist eines der Ziele, das wir Volos schon einige Zeit lang verfolgen. Obwohl wir oft genug Besuch von verschiedenen Leuten bekommen, bleibt keine Zeit, die „Gäste“ hereinzubitten. Das Haus der Volontäre wird scheinbar im Allgemeinen als staatenloses Gebiet und generell für jeden zugänglich betrachtet. Oft sitzen vom einen auf den anderen Lidschlag die selten eingeladenen Gäste am Balkon und spielen mit allem herum, was nicht Niet- und Nagelfest ist. Ein Problem, das wir dank unserem Security-Dog Charlie, bald gelöst haben werden. Bellen würde er ja schon wie ein großer, aber die körperliche Unterlegenheit lässt sich im Moment noch nicht leugnen… Doch gut ernährte Hunde wachsen schnell 😉

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Security-Dog Charlie

Ein Service, das nicht alle Volontäre genießen dürfen ist das legendäre Volowiki. Von einigen besonders raffinierten Ghanavolos ins Leben gerufen dient dieses vor Allem den Prä-Volos, um sich auf die kommende Reise vorzubereiten. Die Datenbank enthält nicht nur detaillierte Informationen zum Projekt oder FAQs wie Malaria, sondern  zum Beispiel auch Infos über die Möglichkeit, einen eigenen ghanaischen Anzug nach Maß schneidern zu lassen.

Nachdem weder die Arbeit im Oratory noch in der Schule begonnen hat und wir uns zurzeit in einer Art Akklimatisierungsphase befinden ergab es sich, dass wir bereits eine Woche nach unserer Ankunft das erste Mal den besagten Schneider namens “King“ aufsuchten. King ist scheinbar wirklich sein Name… Überhaupt gibt es hier in Ghana einige Namen, die auf uns Europäer ein wenig merkwürdig wirken. Justice, Princess oder Blessing sind nur einige wenige Beispiele dafür. Aber zurück zu unserem Besuch bei King.

Der zuvor am Markt in Sunyani besorgte Stoff wird vom Meister persönlich entgegengenommen. In den Augen des King spiegelt sich kurz so etwas wie tiefe Zuneigung wieder, als er zärtlich mit den Fingerkuppen über den Stoff streicht. Draußen spielen Kinder, aber für King sind ihre schrillen Stimmen nicht mehr als ein dumpfer Schatten eines Windhauchs. Das Abnehmen der Maße will ja schließlich genau und sorgfältig durchgeführt werden… Wie war das noch? King blickt zurück in seine Zeit als Schneiderlehrling und hört die weisen Worte seines Vaters wiederhallen: „Du nimmst nicht Maß, du nimmst dir Zeit“. Mit der Routine jahrelang wiederholter Bewegungen nimmt King die Maße und notiert sie auf einem Papierfetzen, den er mit einer Klammer am Stoff befestigt. Nicht auszudenken, wenn zwei Aufträge verwechselt würden. Vor seinem geistigen Auge zeichnet sich bereits ein Bild des vollendeten Meisterwerks, das aus den scheinbar nutzlosen zwei Yards Stoff mit orangem Muster entstehen soll, ab. Auch wenn die Kleidungsstücke für ein paar unbekannte Weiße geschneidert werden, sollen sie trotzdem perfekt werden. Immerhin hat man als King einen Ruf zu verlieren.

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Frisch eingekleidet für 20€

Bezahlt wird wie immer In Ghana-Cedi, der nationalen Währung mit einem Wechselkurs von etwa 1 Euro zu 4 GHC. Gemeinsam mit dem Stoff kostet ein kompletter Anzug umgerechnet in etwa 20€. Überhaupt ist der Geldwert in Ghana nicht mit dem in Österreich zu vergleichen. Eine frische Ananas kostet zum Beispiel 3 GHC, also 75 Cent. Nicht nur günstiger, sondern auch geschmacklich klar überlegen.

Dass es nichts zu tun gibt stimmt aber überhaupt nicht. Zum einen muss das Haus unseren Bedürfnissen angepasst und einmal gründlich durchgeputzt werden. Zum anderen läuft im Oratory zurzeit das “Holiday-Camp“, das von Volontären aus Deutschland und Italien gemeinsam mit einheimischen Animateuren geleitet wird. Dort sind natürlich immer zusätzliche Hände gern gesehen.

Nach dem Ende des Holiday-Camps um 15:00 geht’s entweder zum Volleyballtraining am Asphaltplatz oder mit dem Taxi nach Sunyani. Taxis sind hier in Ghana die üblichste Fortbewegungsmethode für Kurzstrecken. Anders als bei uns fahren diese fixe Strecken, auf denen man ein- und aussteigen kann. Im Prinzip ersetzen diese oft ziemlich in die Jahre und aus dem Schuss gekommenen Autos das österreichische öffentliche Verkehrsnetz. Manche Taxifahrten verlaufen fast wortlos, bei anderen kommt man richtig ins Quatschen… Wie heute, als wir uns nach dem Elektronikladen Melcom erkundigten und die Unterhaltung damit endete, dass wir von einem jungen Ghanaer im Gangsterrapper-Outfit nicht nur vor die Tore  geführt wurden, sondern auch beim Kauf unserer Lautsprecher akribisch beraten wurden. Es heißt scheinbar nicht umsonst, dass die Ghanaer ein hilfsbereites Volk sind…

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. GonzoD sagt:

    Euer digitales Tagebuch ist eine gute Sache.
    Der Lesegenuss der wohl formulierten Texte wird durch die exzellenten Inhalte und die aussagekräftigen Fotos zu einem täglichen inter-kulturellen Hauptbestandteil des Tages.

    Gefällt mir

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