F – wie fie

KƆ fie (gesprochen: ko fiie) – nach Hause gehen – tja, das ist bei uns erst in knapp 5 ½ Monaten der Fall. Zumindest an den Ort, den wir die letzten 19 Jahre unserer Leben zu Hause genannt haben. Tatsache ist aber, dass sich für mich jeder einzelne Abend, an dem ich, meistens verschwitzt, unser Volobungalow betrete, wie nach Hause zu kommen anfühlt. Schon verwunderlich, wie schnell ein Lebensstil zur Normalität werden kann. Ich versuche manchmal unbewusst, mein Leben zu Hause mit dem Leben hier in Ghana zu vergleichen. Doch irgendwie ist das für mich nicht der richtige Ansatz. Denn Vergleichen hat immer etwas mit bewerten zu tun. Und ich kann echt nicht sagen, welches meiner beiden Leben mir besser gefällt und das will ich auch garnicht. Zu Hause ist das leben lebenswert. Doch in Ghana nicht weniger. Das einzige Wort, das in diesem Zusammenhang passend erscheint ist: “Anders”. Es macht schließlich auch keinen Sinn, Unterschiede zwischen Flugzeugen und Schiffen zu suchen, obwohl sie eigentlich den gleichen Zweck erfüllen. Ganz einfach, weil es sich um zwei komplett unterschiedliche Fortbewegungsmittel handelt. Und genauso verhält es sich mit dem Leben in Ghana. Es ist einfach unvergleichlich.

 

Selbst dass ich hier in Ghana sparsamer lebe wie in Österreich, kann ich nicht so allgemein bestätigen. Ich brauche in Summe sicher weniger Geld zum leben. Ein Mittagessen bekomme ich in der Schulkantine um 1 Cedi (25 Cent) und selbst wenn wir uns einmal etwas gönnen wollen, kostet uns das gerade mal 1-2€. Eine achtstündige Busfahrt im V.I.P.-Bus mit Klimaanlage kostet umgerechnet gerade einmal etwas über 10€. Für Lebensmittel, Strom etc. stehen jedem von uns am Tag 3,50€ zur Verfügung, was zu Hause gerade mal einem Kebap entspräche. Doch trotzdem hat keiner von uns das Gefühl, besonders sparam sein zu müssen. Unser Kühlschrank ist immer, außer wenn sich niemand zum Einkaufen motivieren konnte, voll mit verschiedensten Gemüse- und Obstsorten. Aufpassen sollte man jedoch mit Luxusgütern, die importiert werden müssen oder aufwändig in der Herstellung sind. Eine normale 250g-Packung Butter kann schon mal auf 18-20 Cedi (entspricht 18-20mal Mittagessen!) kommen. Benzin halt sich übrigens auch auf internationalem Niveau.

Ein großen Problem ist hier in Ghana die Inflation. Ich habe schon einmal erwähnt, dass der Wechselkurs innerhalb weniger Jahre von 2 auf 4 angestiegen ist. Sogar seit wir in Ghana angekommen sind hat sich der Wechselkurs dauerhaft von 4,3 auf 4,55 verändert (natürlich auch noch inclusive kurzfristiger Schwankungen). Wie es so schön heißt: Alle Angaben ohne Gewähr. Das führt dazu, dass die meisten Ghanaaer keine großen Geldvermögen besitzen, sondern vor allem in ”Immobilien” investieren. Hat man ein wenig Geld gespart, besorgt man sich ein Grundstück. Hat man nach einiger Zeit wieder ein wenig Geld gespart, kauft man sich Ziegel. Hat man nach einiger Zeit wieder ein wenig Geld gespart, beginnt man mit dem Bau. Es ist also die Schuld der Inflation, das hier jede Menge halbfertige Gebäude einsam und nackt in der Gegend herumstehen. Ein Glück ist, dass man sich hier viele Installationen ersparen kann. Heizkörper? Nein Danke. Kamin? Es ist schon warm genug. Wasseranschluss? Wär nicht schlecht, muss aber nicht sein. Wärmedämmung? Guter Scherz. Verputz? Für den Anfang überbewertet.

Was allerdings schon zu dem meisten Häusern dazu gehört ist eine kleine Farm mit Ziegen, Hühnern oder Schweinen. In den letzten Beiträgen dieses Blogs habe ich schon genügend Lobeshymnen an unsere eigenen kleinen Stallungen  gerichtet und möchte mir das dieses Mal sparen. Nur so viel: 22 potenzielle halbe Brathühner (also 11 Küken) sind mittlerweile schon geschlüpft und erfreuen sich bester Gesundheit (noch) und unsere Ziege namens “Goat” ist mittlerweile ebenfalls hochschwanger. Und unser Schwein BarbieQ? Tja, aus unerfindlichen Gründen  hat es mittlerweile seinen Weg in unser Gefrierfach gefunden. An dieser Stelle möchte ich mich bei allen tierliebenden Menschen sowie allen Vegetariern aus Überzeugung, besonders bei meiner Tante Edith für unseren kaltblütigen Mord an unserem Schweinchen entschuldigen. Geschmeckt hat es trotzdem. Und immerhin hatte unser Schwein davor ein schönes Leben.

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Ein schönes Leben haben wir vier Voloseelen auch. Doch jetzt wo wir schon über der Halbzeit unseres Volontariats angekommen sind, beginnen schön langsam die ersten Überlegungen in puncto Studium und Heimkehr. Mein Footballverein hat mir vor kurzem 2 Bälle zum trainieren nach Ghana geschickt, um mich möglichst gut auf meinen Wiedereinstieg ins Team vorbereiten zu können. DANKE an die Upper Styrian Rhinos!

Unser Plan, uns zu viert eine Alm zu kaufen und für immer die Naturschönheiten Österreichs genießen zu können ist wohl etwas unrealistisch… Uns fehlt unser Heimatland schon gewaltig… Und wo wir gerade beim Thema sind… So schlimm ist es auch nicht, dass es im Winter kalt wird. Bei teilweise 50°C Temperaturunterschied zu Österreich und einem andauernen Schwall schwüler und trockener Luft versteht man nunmal nicht, wie jemand sich darüber beschweren kann, dass er sich nachts mit 3 Decken zudecken muss. Wenn jemand beim Gedanken an ein warmes schönes Kaminfeuer nur lächelnd den Kopf schüttelt, ist er ganz sicher in Ghana. Zu Hause hat man immer warme Handschuhe dabei, bei uns ist es das Schweißtuch. Ich freue mich darauf, wenn es mir wieder einmal so richtig, entschuldigt die Wortwahl, aber nichts würde besser passen, arschkalt ist.

Für all diejenigen, die doch lieber gerne im Warmen wären gibts hier noch ein paar Fotos von unserem letzten Urlaub.

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  1. Edith sagt:

    F – wie Fie. Bist du dir sicher, dass du nicht FIES gemeint hast? Armes Schweinchen, R.I.P. (den meisten Teilen von dem armen Tier ist es in der Gefriertruhe wohl im Moment so kalt wie uns in Österreich). Netter Blog trotzdem.
    Und wie geht es dem Gemüse? Die Henderln können neben den Eiern (die auch mir schmecken würden) ja auch Mist für eure Pflanzen liefern.
    Ich habe schon überlegt, ob wir dir auch einen Beachvolleyball schicken sollen, damit du auch weiter im Beachvolleyball-Training bleibst. Aber du hast ja gemeint, dass diese Sportart bei euch nicht wirklich leicht zu trainieren ist.
    Wir freuen uns auf jeden Fall schon darauf, wenn ihr wieder heil und gesund bei UNS KO FIE ankommt 🙂

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